Tempolimit

4. Januar 2007

Jedes europäische Land hat eines auf der Autobahn: Ein Tempolimit. Jedes? Nein, das gar nicht unbedeutende Deutschland, die historisch übrigens etwas korrektere Übersetzung von Germany bzw. Allemagne etc., hat keines.

Das ist es aber auch gar nicht, was mich beschäftigt. Ich habe mich heute, als ich mit 90km/h aus der 70er- in die 50er-Zone gerauscht bin, vielmehr folgendes gefragt: Jetzt, da meine Probezeit rum ist, kann man sich ja schonmal nen Punkt oder zwei leisten, das ist sowieso klar. Aber gibts dann auch wieder das 20er-Spielchen? 20 drüber: kein Punkt, nochmal 20: nur einer? oder zwei? Wer weiß das schon so genau.

Und da kam mir auf einmal in den Sinn, warum wir eigentlich die christliche Kirche brauchen, und welchen Auftrag diese zur Zeit leider nur ungenügend ausfüllt. Der christliche Gott ist ein lohnender und strafender. Tut der Mensch Gutes, und damit ist vor allem das Gute gemeint, dass nicht ihm selbst zu Gute kommt, wird er entlohnt. Unterlässt er dies oder tut vielmehr sogar Schlechtes, so gibt’s am Ende die Abrechnung in Form von Saunafreistunden oder dem irgendwie aus der Mode gekommenen Zwischenzustand des Fegefeuers. Klingt banal und wahnsinnig einfach. Hat aber einen eigentlich von jedem noch so atheistischen Intellektuellen zu bejahenden Effekt. Denn wer will, ob das Schundblatt nun noch so billig ist, sich schon das Maul über andere zerreissen, wenn diese dadurch am Ende womöglich besser wegkommen?

Dieses recht einfache Modell des jüngsten Gerichts ist es auch, was die christliche Kirche eben entscheidend von unserem Staatsmodell unterscheidet. Letzteres orientiert sich in erster Linie an guten Leitsätzen aus der römischen Rechtssprechung, die nicht zuletzt von Marc Aurel entscheidend geprägt wurde. Sie beruht auf einem Gerechtigkeitsgedanken und darauf, diesen einforderbar zu machen. Nun unterscheiden sich Recht bekommen und belohnt werden aber voneinander. Bei einem außergerichtlichen Vergleich wird der einsichtige Bösewicht dennoch zur Kasse gebeten. Vor dem Jüngsten Gericht würde er dafür noch belohnt.

Was nun also tun? Na ganz einfach: Den Einfluss des Christentums in dieser Hinsicht, vor allem im Hinblick auf die positive Komponente dessen Systems, wieder stärken. Mut zeigen, Farbe bekennen und in Ansprachen nicht nur einfach so, um Teamwork und Corporate Identity bitten, sondern aufzeigen, dass das schon einmal ging und dass jeder auch etwas dabei rausbekommt: Wenn nicht erst nach dem Tod, dann eben durch Synergieeffekte oder in Zweifelsfall zumindest ein leichteres Gewissen.

Achso, nein, die Frage, war ja gar nicht was, sondern vielmehr: Wozu eigentlich? Ganz einfach. Die Menschen brauchen ein solch banales System und: viel mehr noch brauchen sie irgendjemanden oder irgendetwas, der sie lobt, dafür, was sie tun, und der ihnen statt „Naja, in der Berufung klappts vielleicht.“ so etwas sagt wie „Reue ist etwas das dich befreit und dein weiteres Leben überhaupt erst wieder lebenswert macht.“ (Sorry, schlechts Beispiel…)

Der Deutsche Staat tut das nicht. Es ist auch nicht seine Aufgabe. Das will niemand behaupten. Aber der Mensch vermisst es. Und zum Ausgleich tut er was? Er schimpft über dieses und jenes noch einschneidendere Gesetz, da Gesetze den Menschen ja mehr Rechte nehmen als geben und nur negative Konsequenzen androhen. Und holt sich seine positiven Effekte daher, wo er sie bekommt. Auch vom Staat, aber systematypisch. In Form von Steuer- und Gesetzeslücken. Wer sich durch das System schlängelt und es bescheisst, gewinnt. Nicht wer sich aktiv für ein gutes Zusammenleben einsetzt.

Nur um eines noch klarzustellen: Mein Bekenntnis zu Religion sieht ähnlich aus. Ich will keinen Aufruf zur Religiosität starten, ich bin selbst wenig spirituell geprägt. Vielmehr wollte ich auf ungenutztes Potential zu einer positiveren gesellschaftlichen Entwicklung hinweisen. Die Kirche könnte dies bieten, wenn sie sich vielleicht ein wenig realistischer und dennoch ein wenig weniger weltlich geben würde.

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2 Responses to “Tempolimit”

  1. nicnac Says:

    Ich kann mir nicht vorstellen das so etwas tatsächlich so einfach gehen soll! Die Kirche macht zur Zeit auch schon das was du beschreibst und dennoch glauben immer weniger Menschen daran, weil es einfach immer weniger zur Zeit passt. Ich glaube nicht das man die immer größer werdende Zahl an Atheisten in unserer Leistungsgeselschafft dazu bringt an ein System zu glauben dem man nicht vertrauen kann.

  2. raaphi Says:

    Danke für deinen Kommentar. Ich sehe die Situation jedoch anders. Die Kirche ist auf einem annehmbaren Weg, jedoch nicht in allen Bereichen.
    Was die Menschen angeht, so ist diese Entwicklung in Deutschland vielleicht so. Noch, denn wie z.B. Samuel P. Huntington in seiner Kampf-der-Kulturen-Theorie annimmt, werden sich die Menschen durch immer unbedeutender werdende Nationalstaats-Grenzen immer mehr auf das besinnen, was sie in Zeiten der Globalisierung noch verbindet: Ihre Kultur und damit ihre Religion.
    Und auch Atheisten haben einen Ethos, irgendwelche Kultur oder Subkultur (s. auch Wurzeln und Hasstiraden), an deren Werten sie sich orientieren. Die Werte unserer Kultur in Deutschland kommen zu einem bedeutenden Teil aus dem Christentum. Und Heinz Henze, einer der ersten Vordenker der Hohen Behörde (Vorgängerinstitution der EU-Kommission), sieht heute die natürliche Grenze der Europäischen Union im Christentum. Dieses beeinflusst unsere Gesellschaft und damit auch das Leben jedes Einzelnen. Die Frage ist nur, inwiefern die Kirche Schwerpunkte setzen kann.

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